Inselhopping auf estnisch
In Paldiski angekommen müssen wir zunächst einkaufen, bevor es Richtung der Insel Hiiumaa geht, zwei Tage werden wir wohl brauchen, bis wir auf der Insel sind. Dazwischen ist das Naturschutzgebiet Peraküla, unser Tagesziel. Wir folgen wieder grob der Euroveloroute 10, die einmal rund um die Ostsee geht. Wie häufiger geht es mal an stark befahrenen Straßen entlang, dann wieder ganz einsame kleinere Straßen, auf denen uns kaum ein Auto begegnet. Nach unserem zweiten Frühstück kommen wir an einem alten Kloster vorbei, das wir uns genauer ansehen. Spannend finden wir insbesondere die Kunst, die in den alten Gemäuer integriert ist. Überhaupt begegnet uns in Estland sehr viel Kunst im öffentlichen Raum aber auch an scheinbar entlegenen Orten. Ein tolles Konzept. Und wir freuen uns über unverhoffte Entdeckungen wie einer kleinen Bäckerei, ein halbes Brot und ein Schokobrot gibt es noch, beides kaufen wir dem jungen Mann ab und zusätzlich zwei Kaffee. Wir erfahren, dass eigentlich seine Mutter die Bäckerei betreibt und er nur jetzt gerade im Sommer aushilft, bis ihm was besseres einfällt.












Weiter geht es bis Peraküla, dort gibt es einen Wildnis Campingplatz am Meer. Im nahe gelegenen Näitusemaja, einem Informationszentrum der Naturbehörde RMK, gibt es Wasser. Die Campingplätze sind sehr einfach, es gibt einen Tisch mit Bänken, in der Regel überdacht, eine Feuerstelle mit Grill und ein Plumpsklo. Die Bereiche, in denen gezeltet werden darf sind grob markiert. Der Zeltplatz ist schon recht voll, aber wir finden noch ein Plätzchen mit Schatten. Wr müssen dem Platz allerdings mit Ameisen teilen, sehr vielen Ameisen. Stehen wir still, ist es in Ordnung und sie akzeptieren uns als Teil ihrer Umgebung, bewegen wir uns, werden die Ameisen ganz hektisch und erkunden uns intensiver und natürlich bleibt es nicht aus, dass die ein oder andere Begegnung mit den Ameisen schmerzhaft ist, für beide Seiten. Es ist nicht leicht, die Ruhe zu bewahren und am Zeltplatz wirken wir leicht nervös. Es ist nur ein kleiner Trost, dass es auch anderen so ergeht. Umso schöner ist der Strand, an dem wir lange spazieren können. Auch hier ist die Ostsee eher flach, sodass es eher ein Wasserwaten ist, als baden.





Am nächsten Morgen springen wir bei leichtem Nieselregen in einen nahe gelgenen Waldsee und können uns dort erfrischen. Dann besuchen wir das Informationszentrum und bekommen sogar eine persönliche Führung. Wir lernen, dass es ganz in der Nähe einen Metoritenkrater in der Ostsee gibt, ein Gebiet mit viel Leben, aber auch, dass die örtlichen Fischer genau diesen Krater meiden, kommen die Felsblöcke doch bis kurz unter die Oberfläche, in einem Wellental kann ein Fischer schnell seinen Motor oder gar das Schiff dort beschädigen. Das Informationszentrum hat auch eine riesige Sandsammlung und viele andere Sehenswürdigkeiten.



Endlich geht es wieder aufs Fahrrad und Richtung Hiiumaa. Immer wieder kommen wir hier an schwedischen Windrädern oder Friedhöfen vorbei. diese Region war bis zum Ende des zweiten Weltkriegs von schwedischsprachigen Esten bewohnt. Die meisten flohen vor den sowjetischen Truppen zurück nach Schweden.

Wieder hilft uns der Wind und wir kommen leicht voran und genau zur Abfahrt der Fähre nach Hiiumaa am Fährhafen an. Nach einer ersten Übernachtung in Nähe der Fähre fahren wir über Pfade und kleinere Wege zu dem nächsten Platz mit wunderschönen Strand, an dem wir sogar zwei Nächte bleiben. In zehn Kilometer Entfernung gibt es auch einen Supermarkt, wo wir unsere Vorräte aufstocken können und mehr Wasser bekommen. Der Supermarkt ist in einem alten Schulgebäude dessen andere Hälfte gerade für eine Kunstausstellung genutzt wird. Natürlich schauen wir uns das an. Auf dem Weg zurück finden wir, wie an vielen andere Stellen auch, wilde Erdbeeren und Heidelbeeren, die wir an Ort und Stelle genießen. Danach verbringen wir einen entspannten Resttag am Strand.




















Wir wollen nicht einrosten, also fahren wir wieder mal getragen vom Wind zur Fähre nach Saaremaa, der Nachbarinsel. Am dortigen Fährhafen, der nur aus drei Gebäuden inklusive eines Cafés besteht, steht noch ein einaches Konzertgebäude in dem auch regelmäßig Jazzfestivals gespielt werden und eine herliche Aussicht auf die Ostsee bietet. Nach einem kleinen Mittagessen treten wir weiter in die Pedale, heute wollen wir uns mal wieder eine Dusche gönnen. Es wird unsere erste Clamping-Erfahrung, wir zelten also, aber mit Bett und Dusche. Es ist ein herrliches Gefühl mal wieder frisch gewaschen zu sein.





Wir liegen gut in der Zeit, also beschließen wir noch die kleine Insel Kihnu zu besuchen, zwei Tage brauchen wir bis zu der Insel. Der Zeltplatz dazwischen entpupt sich als einer der schönsten während unserer Reise. Auf einem Steilufer mit Blick durch Wald auf Ostsee mit viel Platz bis zu den anderen Campern. Eine junge lithauerin treffen wir auch dort. Sie macht ihre erste Fahrradreise. Die jungen Menschen fahren aber 120 bis 150 Kilometer am Tag, wir werden sie wohl nicht wieder sehen, auch, wenn wir in dieselbe Richtung unterwegs sind.






Mittags erreichen wir die Insel Kihnu, finden ein Plätzchen auf dem Campingplatz (mit Dusche), genießen das selbst gemachte Eis von Elly und beginnen die Insel zu erkunden. Auf allen wichtigen Posten auf der Insel sind Frauen, sie sind sehr präsent und in manchen Reiseführern wird die Insel als matriachale Gesellschaft bezeichnet. Im Inselmuseum lernen wir, dass sie sich eher als gleichberechtigte Gesellschaft sehen. So war es etwa auch im letzten Jahrtausend üblich, dass bei einer Heirat nicht bei dem Vater um die Hand der Tochter angehalten wurde, sondern dass aus der Familie der Braut wie auch vom Bräutigam gemeinsam über die Verbindung verhandelt wurde. Die Inselbewohnenden pflegen eine eigene Sprache, die sie auch in Sowjetzeiten erhalten konnten. Auch hier spielte Gesang eine große Rolle.



















Schließlich müssen wir die Insel verlassen, Pärnu ist unser nächstes Ziel, es ist der estnische Badeort. Natürlich schauen wir uns den Ort an und schlagen unser Zelt auf dem Stadtcamping auf. Und wir gehen essen. Es wird das beste Essen auf der ganzen Reise, wir entschieden uns für eine Georgisches Restaurant und bekommen dort das beste vegetarische Essen der ganzen Reise. Vegetarisches Essen ist nicht ganz leicht zu bekommen in allen drei Ländern. Ein Gericht gibt es meist, aber oft ist es Pizza Margarita, Vegetarischer Burger oder Pfannkuchen mit Quark.









Von Pärnu fahren wir mit dem Bus zurück nach Riga und beschließen nochmal eine Nacht in Riga zu blieben, bevor wir, wieder mit dem Bus, die Strecke nach Ventspils überbrücken. Dazu aber im nächsten Blog mehr.
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